Deutsche Wirtschaft stärkt Resilienz in Lieferketten
Sonderauswertung des AHK World Business Outlooks Herbst 2022
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie und des russischen Kriegs gegen die Ukraine stellen die Unternehmen an ihren internationalen Standorten vor viele Herausforderungen. Unterbrochene Lieferketten und geopolitische Risiken veranlassen sie dazu, die Resilienz ihrer Lieferketten und Standorte kritisch zu überprüfen. Die Rückmeldungen von mehr als 3.100 von den AHKs befragten Unternehmen im Rahmen des AHK World Business Outlooks vom Herbst 2022 geben Aufschluss darüber, wie Unternehmen auf die Herausforderungen reagieren und in welchen Regionen sie neue Lieferanten oder Standorte suchen.
Störungen in der Lieferkette noch nicht überwunden
Aktuell deuten verschiedene Indikatoren darauf hin, dass sich die Lieferkettenstörungen am aktuellen Rand bessern. Frachtraten für Containerpreise nähern sich wieder normalen Preisen, die Staus vor internationalen Häfen lösen sich langsam auf und der globale Lieferkettenindex der Federal Reserve Bank of New York nähert sich dem Vorkrisenniveau.
Für die deutschen Unternehmen an ihren internationalen Standorten stellen Probleme in den Lieferketten im Herbst 2022 aber weiterhin ein zentrales Risiko dar. Weltweit berichten 42 Prozent der Unternehmen von Lieferkettenstörungen. Überdurchschnittlich häufig sehen Unternehmen in Greater China (Volksrepublik China, Hongkong, Taiwan) (58 Prozent), Asien-Pazifik (ohne Greater China) (50 Prozent), Nordamerika (46 Prozent) und in der Eurozone (44 Prozent) darin ein Geschäftsrisiko. Daneben sind insbesondere in Europa hohe Energiepreise ein Risiko für die geschäftliche Entwicklung. Die Höhe der Energiekosten entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Standortfaktor im internationalen Wettbewerb.
Reaktion der Unternehmen auf die Krisen
Angesichts der Auswirkungen der aktuellen Krisen auf die Geschäfte der Unternehmen sehen sich viele von ihnen gezwungen, Änderungen in ihrem Betriebsablauf vorzunehmen. Sie müssen dem Kostendruck standhalten und ihre Lie[1]ferketten resilienter gestalten.
Am häufigsten sehen sich die Unternehmen dazu gezwungen, den gestiegenen Kostendruck an ihre Kundschaft weiterzugeben. In Folge des russischen Kriegs in der Ukraine sind die Energiepreise vielerorts – aber besonders in Europa – enorm gestiegen. Bereits durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Störungen in globalen Lieferketten und Angebotsknappheiten waren die Preise für Rohstoffe und Vorprodukte stark gestiegen. Mit den hohen Inflationsraten sorgen sich die Unternehmen zudem vor steigenden Arbeitskosten.2 41 Prozent der Unternehmen haben bereits Preissteigerungen durchgesetzt, 34 Prozent planen künftig Preise für ihre Produkte anzuheben.
Während manche Unternehmen Preisgleitklauseln in ihre Verträge aufnehmen, um künftige Preisschwankungen einfacher an Kunden weitergeben zu können, berichten andere Unternehmen, dass eine Weitergabe des Kos[1]tendrucks nicht möglich sei – etwa aufgrund von langfristigen Verträgen oder dem globalen Wettbewerbsdruck. Dar[1]über hinaus versuchen die Unternehmen durch Energieeinsparungen, Effizienzsteigerungen und Optimierung der Auslastung Kosten zu reduzieren.
Erweiterung des Lieferantennetzwerks
Unternehmen arbeiten daran ihre Lieferketten resilienter zu gestalten, um das Risiko künftiger Lieferausfälle zu verringern. Ein wichtiger Baustein davon ist ein möglichst diverses Lieferantennetzwerk. 35 Prozent der Unternehmen haben bereits neue oder zusätzliche Lieferanten für benötige Rohstoffe, Vorprodukte oder Waren gefunden. Weitere 30 Prozent sind noch auf der Suche. Große Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern weltweit haben bereits häufiger neue Lieferanten gefunden (41 Prozent), als kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern (28 Prozent). Bei Letzteren befindet sich allerdings noch ein größerer Teil der Unternehmen in Planung für ein größeres Lieferantennetzwerk (33 Prozent), als bei den großen Unternehmen (26 Prozent).
Zentrale Gründe für die Suche nach neuen Lieferanten sind die Kostenoptimierung, die für knapp zwei Drittel der Unternehmen eine Rolle spielt, und die Diversifizierung bzw. Risiko-Minimierung bei Ausfällen (62 Prozent).
Mit den europäischen Legislativvorhaben zur Stärkung der Nachhaltigkeit und Menschenrechte, wie etwa der EU-Taxonomie und die sich im Entwurf befindende Richtlinie zur Regelung von Sorgfaltspflichten in der Lieferkette, steigen die Anforderungen an Unternehmen ihre Lieferkette dahingehend zu überprüfen. Bei jedem achten Unternehmen spielt die Einhaltung von europäischen Nachhaltigkeitspflichten bei der Suche nach neuen Lieferanten eine Rolle.
Verlagerung von Produktion und Niederlassungen
Die veränderten außenpolitischen Gegebenheiten führen auch dazu, dass Unternehmen ihre Standorte von Produktionsstätten und Niederlassungen prüfen. Jedes zehnte Unternehmen hat bereits Teile der Produktion oder Niederlassungen an neue Standorte verlagert oder neu aufgebaut. Weitere 16 Prozent planen einen solchen Schritt noch.
Über die Hälfte der Unternehmen nutzt die Verlagerung von Niederlassungen oder Teilen der Produktion zur Erschließung neuer Märkte. Für 47 Prozent der Unternehmen ist – wie bei der Lieferantensuche – die Kostenoptimierung ein zentrales Verlagerungsmotiv. 38 Prozent möchten mit dem Schritt mehr Diversifizierung bzw. Risiko-Minimierung bei Ausfällen erreichen.
Zielregionen bei der Suche nach neuen Lieferanten und Standorten
Schwerpunkt der Suche nach neuen oder zusätzlichen Lieferanten beziehungsweise nach neuen Standorten bilden das Land oder die Region, in dem die Unternehmen bereits eine Niederlassung haben. Besonders bei der Suche nach neuen oder zusätzlichen Lieferanten spielt die geographische Nähe eine herausragende Rolle. Das Lieferantennetzwerk wird im gleichen Land des Unternehmensstandorts oder innerhalb der Region (Nachbarländer) aufgebaut. Dahinter kann die Bestrebung von Unternehmen stehen möglichst kurze Lieferwege in ihren Lieferketten zu haben, um Ausfälle durch Transportschwierigkeiten sowie hohe Transportkosten zu vermeiden.